Was ich meinem jüngeren Ich über die Liebe sagen würde
Seit vielen Jahren hängen zwei Sprüche an meiner Wand.
Der eine erinnert mich daran, wie sehr der Mensch, den wir als Partner wählen, unser ganzes Leben beeinflusst. Unser Glück, unseren inneren Frieden, unsere Familie, unsere Freunde, unser Zuhause, unsere Zukunft.
Und der andere beschreibt Liebe als dieses besondere Gefühl, wenn man einen Menschen gefunden hat, der einem Freude schenkt, einen versteht, mit einem geht und einen so nimmt, wie man ist.
Vielleicht hängen genau diese beiden Sprüche deshalb schon so lange bei mir.
Denn zwischen diesen beiden Gedanken liegt eigentlich mein ganzes Leben mit der Liebe.

Bildunterschrift: Einer der beiden Sprüche, die mich seit vielen Jahren begleiten: Wähle weise, in wen Du Dich verliebst.
Wenn ich heute der jungen Simone begegnen könnte, würde ich ihr gern so vieles erzählen.
Mit 18 war ich unglaublich unsicher.
Wenn ein Junge mit mir flirtete, wurde ich puterrot. Ich war viel zu groß, fand ich. Nicht hübsch genug. Nicht schlagfertig genug, zu naiv, zu unerfahren, irgendwie unbeholfen.
In der Schule wurde ich gehänselt und hatte lange das Gefühl, anders zu sein. Ich wollte dazugehören und hatte gleichzeitig nicht das Gefühl, wirklich dazuzugehören.
Als ich mit 19 zum Studium in die Großstadt kam, war ich deshalb völlig überrascht, dass Männer mich plötzlich interessant fanden.
Ich wurde umworben. Ich wurde begehrt.
Und ich genoss es. Sehr sogar.
Heute sehe ich, dass ich damals etwas miteinander verwechselt habe: begehrt zu werden und geliebt zu werden.
Wenn ein Mann mich wollte, fühlte ich mich wertvoller.
Ich fragte mich weniger: „Will ich diesen Mann eigentlich?“
Ich war glücklich darüber, dass er mich wollte.
Das würde ich meinem jüngeren Ich heute gern als Erstes sagen:
Du musst nicht darauf warten, ausgewählt zu werden. Du darfst selbst auswählen.
Mit Anfang 20 glaubte ich außerdem fest an die Schmetterlinge.
Wenn es kribbelte, wenn ich Sehnsucht hatte, wenn ich mich auf ein Wiedersehen freute und alles aufregend war, dann musste das doch Liebe sein.
Der Vater meines Sohnes war meine erste große Liebe.
Wir haben uns geliebt. Aber wir hatten kaum darüber gesprochen, wie wir uns unser gemeinsames Leben eigentlich vorstellten.
Er dachte, ich würde zu ihm ins Elternhaus ziehen. Ich wollte, dass er zu mir in die Stadt zieht.
Wir hatten Gefühle füreinander, aber wir hatten uns nicht wirklich gefragt, ob unsere Vorstellungen vom Leben zusammenpassen.
Damals dachte ich: Wenn man sich liebt, bekommt man den Rest schon hin.
Das habe ich noch lange geglaubt.
Später hatte ich einige Beziehungen, die wunderschön begannen und nach Monaten plötzlich ganz anders aussahen.
Die Verliebtheit wurde weniger und die Unterschiede wurden größer.
Ich fing an zu suchen. Nach Sternzeichen, gemeinsamen Interessen, Bildung, Herkunft, Lebensstil, Zukunftsvorstellungen und allem, was mir irgendwie erklären konnte, warum manche Menschen zusammenpassen und andere nicht.
Das hat mich irgendwann sogar beruflich beschäftigt.
Aber in meinem eigenen Leben habe ich trotzdem immer wieder gedacht:
Das bekomme ich schon hin.
Wenn ein Mann eifersüchtig war, dachte ich, er müsste sich nur sicherer fühlen.
Wenn jemand kontrollierte, dachte ich, ich könne ihm zeigen, dass er mir vertrauen kann.
Wenn Streit immer wieder verletzend wurde, dachte ich, wir müssten nur lernen, es anders zu machen.
Ich habe mehr als einmal versucht, einen Menschen durch Liebe zu verändern.
Heute muss ich darüber fast ein bisschen lächeln.
Nicht, weil es lustig war.
Sondern weil ich sehe, wie viel Hoffnung darin lag.
Ich wollte so sehr daran glauben, dass Liebe alles schaffen kann.
Heute glaube ich das nicht mehr.
Liebe kann viel tragen.
Aber sie kann nicht jeden Unterschied überbrücken. Und sie kann keinen Menschen verändern, der sich selbst nicht verändern möchte.
Mit 40 dachte ich dann wirklich, ich hätte verstanden, wie Beziehung funktioniert.
Wenn Aussehen, Bildung, Humor, Interessen, Sex und gemeinsame Ziele stimmen, dachte ich, kann doch kaum noch etwas schiefgehen.
Wir arbeiteten zusammen, bauten ein Haus und schufen uns ein gemeinsames Leben.
Sehr viel gemeinsam.
Zu viel, wie ich heute weiß.
Damals hätte ich es Nähe genannt.
Heute sehe ich auch meine Verlustangst darin.
Vielleicht wollte ich unsere Beziehung so sicher machen, dass sie gar nicht mehr auseinandergehen konnte.
Dabei wurde ich immer abhängiger – beruflich, finanziell, wohnlich und emotional.
Und irgendwann fiel der Satz:
„Du musst Dir meine Liebe verdienen.“
Diesen Satz habe ich nie vergessen.
Vielleicht, weil ich irgendwann begriffen habe, wie viele Jahre ich genau das versucht hatte.
Mir Liebe zu verdienen.
Durch Anpassung. Durch Hingabe. Durch Mühe.
Durch das Gefühl: Wenn ich nur gut genug bin, wenn ich genug gebe, wenn ich alles richtig mache, dann werde ich geliebt.
Mit 50 begann für mich etwas Neues.
Ich löste nach und nach unsere Verbindungen und ging meinen Weg allein.
Am Anfang tat das Alleinsein sehr weh.
Aber irgendwann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte:
Ich wurde gern mit mir allein.
Aus Einsamkeit wurde Ruhe.
Und irgendwann entstand dieses wunderbare Gefühl:
Ich genüge mir.
Nicht: Ich brauche niemanden.
Das wäre nicht wahr.
Ich möchte lieben. Ich möchte Nähe. Ich möchte mich anlehnen. Ich möchte jemanden vermissen dürfen und mich freuen, wenn er kommt.
Aber ich weiß heute auch: Ich komme mit mir klar.
Und genau das hat etwas in meiner Art zu lieben verändert.
Ich muss einen Menschen nicht mehr festhalten, damit ich mich sicher fühle.
Ich darf ihn lieben und trotzdem ich bleiben.
Auch meine Schmetterlinge möchte ich übrigens nicht missen.
Ich finde sie bis heute wunderbar.
Nur nehme ich sie nicht mehr ganz so ernst wie früher.
Sie dürfen fliegen.
Sie dürfen mich glücklich machen.
Aber sie müssen nicht mehr entscheiden, ob ein Mann zu mir passt.
Liebe entsteht für mich heute langsamer.
Sie wächst, wenn ich einen Menschen kennenlerne.
Wenn ich sehe, wie er denkt, wie er lebt, wie er mit anderen umgeht.
Wenn ich erlebe, dass ich schwach sein darf, ohne weniger geliebt zu werden.
Wenn wir lachen können.
Wenn wir uns gern ansehen und berühren.
Wenn wir miteinander reden können, auch wenn es schwierig wird.
Wenn ich mich nicht kleiner machen muss und er sich neben mir auch nicht verstellen muss.
Das ist für mich heute Liebe.
Sich nah sein, ohne sich zu besitzen.
Sich verstehen.
Sich vertrauen.
Füreinander da sein.
Und trotzdem auch allein glücklich sein können.

Bildunterschrift: Dieser Spruch begleitet mich ebenfalls seit vielen Jahren. Heute lese ich ihn wahrscheinlich anders als früher.
Wenn ich heute auf meine früheren Beziehungen zurückblicke, empfinde ich längst nicht mehr nur Schmerz.
Jeder dieser Männer hat etwas in meinem Leben hinterlassen.
Ich habe gelernt, dass ich mich nicht verbiegen darf.
Ich habe gelernt, dass man auch an der größten Enttäuschung nicht stirbt.
Ich habe gelernt, meine Schwächen zu zeigen.
Ich habe gelernt, dass ich Liebe nicht verdienen muss.
Und ich habe irgendwann sogar gelernt zu vergeben.
Heute sehe ich vieles, was früher nur eine Enttäuschung war, als Teil meines Lebensschatzes.
Vielleicht würde ich deshalb meiner 18-jährigen Simone gar nicht versuchen, all ihre Fehler auszureden.
Sie wird sie sowieso machen.
Und vielleicht muss sie manche davon sogar machen.
Ich würde sie nur gern einmal in den Arm nehmen.
Dieses große, unsichere Mädchen, das rot wird, wenn ein Junge mit ihm flirtet.
Und dann würde ich ihr sagen:
Du musst Dich nicht beeilen.
Nur weil andere Mädchen schon einen Freund haben, bist Du nicht zu spät.
Du musst Dich nicht küssen lassen, nur damit Du Dich begehrt fühlst.
Und Du musst Dich nicht für jemanden entscheiden, nur weil er Dich ausgesucht hat.
Du wirst Dich verlieben.
Du wirst manchmal enttäuscht sein.
Du wirst Menschen lieben, die nicht für immer bleiben.
Und Du wirst glauben, dass Du nie wieder so fühlen kannst.
Aber glaube mir: Das kannst Du.
Es wird sogar noch schöner.
Und irgendwann wirst Du verstehen, was ich Dir heute am liebsten schon mitgeben würde:
Du bist nicht die Frau, die hoffen muss, ausgewählt zu werden.
Du darfst selbst auswählen, wen Du in Dein Herz und in Dein Leben lässt.
Also verliebe Dich ruhig.
Liebe leidenschaftlich.
Hab keine Angst davor.
Aber verliere Dich dabei nicht selbst.
Und wenn Du irgendwann einen Menschen findest, bei dem Du Dich frei und gleichzeitig verbunden fühlst, bei dem Du lachen, schwach sein, vertrauen und einfach Du selbst sein kannst, dann wirst Du wahrscheinlich verstehen, warum dieser zweite Spruch schon so viele Jahre an meiner Wand hängt.
„Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich heute einen Satz über die Liebe mitgeben könnten – welcher wäre es?“
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